SPD Kalchreuth

Die Würde des Menschen darf nicht vom Alter abhängig sein.

Senioren

„Der berühmteste Pfleger im Land?“, fragte Claus Fussek, renommierter Kritiker des Pflegesystems, in den brechend vollen Saal der Veranstaltung des SPD-Kreisverbandes zum Thema Altersdiskriminierung. Und antwortete gleich selbst: „Natürlich der von Eisbärnachwuchs Knut“. Die Diskussion in der Mörsbergei bestätigte seine These, dass Altersdiskriminierung kein Thema in der Gesellschaft ist.

Da war die Altenpflegerin, die einforderte, dass mehr Fachkräfte in den Heimen nötig seien, um eine hohe Pflegequalität zu gewährleisten. Da war der Mann, dessen Mutter in einem Altenheim ist, der registrierte, „dass er keine anderen Angehörigen oder Besucher sieht, wenn ich zwei bis drei Mal pro Woche meine Mutter besuche“. Das war der Herzogenauracher Seniorenbürochef Hans Münck, der davon erzählte, dass es Banken gebe, die an Menschen über 70 keine Scheckkarten mehr ausgeben, weil die sich die Nummern nicht mehr merken könnten.
Diskussionsleiter Kunibert Wittwer, selbst ehemaliger Leiter eines Altenheimes und zurzeit VdK-Kreisvorsitzender, hatte zuerst das Publikum gefragt, welche Erfahrungen es mit Altersdiskriminierung hat. In der Arbeitswelt beginne die Diskriminierung doch schon mit 50, sagte ein Besucher.
Dem widersprach Norbert Ratzke, stellvertretender Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft mit der Bundesagentur für Arbeit (Arge) im Landkreis. Die magische Grenze von 50 Jahren gelte nur für Großunternehmen. In manchen Branchen, z. B. der Unternehmensberatung, sei man bereits mit 35 zu alt; andererseits könne er zurzeit einen Schlosser mit 55 Jahren, der körperlich halbwegs fit sei, gut vermitteln, so Ratzke.
In der Pflege, betonte Ratzke, würden dieselben Werte gelten wie in der Gesellschaft. Als Bürokrat sage er, die Vielzahl der Vorschriften _ auch im Pflegewesen _ habe mit Angst zu tun, mit der Angst, Verantwortung zu übernehmen, wenn etwas schief geht. Doch nur wenn wir uns selbst verantwortlich fühlten, könnten wir etwas bewegen, so sein Postulat.
In dieser Frage waren sich die Diskutanten schnell einig: „Wir haben ja keinen Gegner“, so Claus Fussek. „Wer ist schon dagegen, dass alte Menschen gut gepflegt werden?“ Aber die Regeln würden nicht hinterfragt. Dabei müssten ständig die Verordnungen auf ihre Vereinbarkeit mir der Lebensqualität der alten Menschen überprüft werden. Im übrigen machte Fussek auf ein Grundproblem aufmerksam: „ Wir haben das Produkt Pflege dem freien Markt übergeben. Einige Pflegeheimbetreiber sind an der Börse. Da dürfen wir uns nicht wundern, wenn die Pflege den Gesetzen des Marktes unterworfen wird“, konstatierte der Sozialpädagoge.
Gerade aus dieser Erfahrung heraus argumentierte Rosi Schmitt, Altenpflegerin, Altentherapeutin und Vorsitzende des Vereins Lebensfreude ERHalten“ e.V. Pflegebedürftigkeit und Demenz würden in unserer Gesellschaft immer noch als Stigma wahr genommen. Einerseits ließen die Strukturen der Pflege Lebensfreude und Würde im Altern nicht zu; andererseits komme es sehr auf die Haltung der Heimleitung und im Gefolge der Pflegekräfte an. Ihre Erfahrungen in Pflege und Betreuung haben sie dahin geführt, eine ambulant betreute Wohngruppe für pflegebedürftige und demente Menschen im Landkreis Erlangen-Höchstadt einrichten zu wollen. In einer Gruppe von maximal zwölf Bewohnern wird hier der Lebensalltag nach den Bedürfnissen der Menschen gestaltet. Dabei seien die Angehörigen als Kontrollorgan wichtige Instanz.
Dies bestätigten die übrigen Diskussionsteilnehmer auch für Pflegeheime. In einem Heim, in dem viele Angehörige und Besucher sind, herrsche Offenheit und Normalität. Wo aber behauptet werde, es gebe keine Probleme, sei meistens etwas faul, erklärte Claus Fussek, der als medienerprobter Heimkritiker naturgemäß die Argumentationshoheit in der Debatte hatte. Man müsse stets genau hinschauen, sagte er mit kritischem Blick auf Verbände und Kirche: „ Wer überall die Finger drin hat, kann die Faust nicht mehr ballen.“ Als wesentliche Qualitätskriterien für ei Pflegeheim ergänzte Rosi Schmitt:„Ein Heim muss offen und transparent sein und Angehörige einbinden.“
In der Tat, so das Fazit, das Fussek, Wittwer, Ratzke und Schmitt gemeinsam zogen, müsse jeder einzelne für sich frühzeitig überlegen, wie er im Alter leben wolle. Nicht die große Politik allein sei da gefragt. Auch eine Gemeinde könne entscheiden, ob sie ein Pflegeheim mit 100 betten wolle oder eine kleine Wohngruppe, die nachbarschaftlich und freundschaftlich zustande komme. Derzeit, so Eva Langhoff, Leiterin der Tagespflege Herzogenaurach, werde die Einrichtung kleiner ambulanter Gruppen gegenüber großen Heimen etablierter Verbände öffentlich och benachteiligt. Nur von der Basis her lasse sich das ändern.
Dafür erntete sie keinen Widerspruch. Rosi Schmitt, stellvertretende Kreisvorsitzende der SPD, die den Diskussionsabend eingefädelt hatte, dankte den Podiumsteilnehmern mit Wein und Schokolade, um Kraft zu tanken, weiter mutig gegen Altersdiskriminierung anzukämpfen. „Wir sind alle gefordert, zu handeln und Verantwortung zu übernehmen“, lautete ihr Schlussplädoyer.
Nachdenklichkeit und Diskussionsfreude prägte auch die Besucher der Veranstaltung, die noch eifrig ins Gespräch vertieft waren, sich von Claus Fussek sein jüngstes Buch signieren ließen und sensibilisiert nach Hause gingen.
Eingangs hatte Jörg Bubel, Vorsitzender der SPD-Kreistagsfraktion, bei der Begrüßung die Sensibilisierung für das Thema Altersdiskriminierung als Hauptziel der Veranstaltung benannt. Und SPD-Ortsvereinsvorsitzender Hermann Stumptner schilderte am Beispiel Bubenreuth einige positive Eckdaten: „Die Menschen werden hier wahr genommen“.
Die Altersdiskriminierung wird in den nächsten Tagen sicherlich ein Thema in den Heimen in Erlangen und Umgebung sein. Mehr als Eisbär Knut.

 

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Monika Bentz

 

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